E-Insights

01.10.2019

Ist Sharing wirklich Caring? – Ein kritischer Blick auf die Sharing Economy.

In unseren erhitzten Zeiten, in denen ein Newszyklus den nächsten jagt, ein Trend zum Hype wird, der morgen schon vergessen ist, kristallisiert sich ein Thema heraus, das beharrlich unsere Aufmerksamkeit bindet: die Sharing Economy. Anstatt Güter und Dienstleistungen zu kaufen um sie zu besitzen, mieten und teilen wir sie uns je nach Bedarf per Klick auf das Smartphone.

Die Sharing Economy findet ihre aktuellste Ausprägung in der Debatte um die neumodischen E-Scooter, die Großstädtern derzeit weltweit als nächste Stufe der urbanen Mobilität präsentiert werden. Anders gesagt, handelt es sich in diesem Kontext um eine Mischung aus Lebensqualität, Klimaschutz, Verkehrssicherheit und Standortsicherung der Wirtschaft.

Bei einer genaueren Auseinandersetzung mit diesem Phänomen bewegen wir uns irgendwo zwischen messianischem Fortschrittsglauben und technikfeindlichem Kulturpessimismus. So weit, so bekannt. Aber wie ist es denn nun wirklich?



Ein paar (milde desillusionierende) Fakten zum E-Scooter:



Nun gut, zugegeben, diese Fakten sind nicht von der Hand zu weisen. Oberflächlich betrachtet, wirken die E-Scooter wie ein kurzlebiger Spaßtrend, der zwischen einem Spielzeug-Gadget („Tamagotchi“) und Fortbewegungsmittel mit Verletzungspotenzial (Rollerblading) rangiert und nicht von Dauer sein wird. Andererseits scheint das etwas zu kurz gegriffen, wenn wir uns die tieferliegenden Umwälzungen in der Gesellschaft betrachten. Spätestens seit Friday for Future und der Dringlichkeit, den CO2-Ausstoß im Verkehr maßgeblich zu reduzieren, um das Paris-Abkommen zur Bekämpfung des Klimawandels zur Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels einzuhalten, wächst der Druck, an Alternativen zu arbeiten. Und damit sind nicht bloß Alternativen zum Individualverkehr mit Auto mit Verbrennungsmotor gemeint. Die Anzahl der Privatfahrzeuge im Straßenverkehr in Deutschland einfach durch Elektroautos zu ersetzen, ist weder wirtschaftlich, noch im Hinblick auf Umweltschutz innerhalb der nächsten, im Hinblick auf das Klima entscheidenden zehn Jahre umzusetzen.

Vielmehr erfordert es mutige Grundlagenforschung, hohe Investitionen in technologische Innovationen und den Willen, neuartige Konzepte auszuprobieren. Diese Bereitschaft wird naturgemäß Zweifler auf den Plan rufen. Werden manche Mittel falsch eingesetzt werden und auch scheitern? Ja, das ist wahrscheinlich. Können unterschiedliche Geschwindigkeiten von Stadt und Land die Entwicklung behindern? Gut möglich. Mit Edge lässt sich nicht spontan eine App laden, um einen E-Scooter zu buchen. Sollten diese Hindernisse aber ein Grund sein, es lieber gleich ganz sein zu lassen? Auf keinen Fall. Grad hier wird deutlich, welchen Beitrag die Sharing Economy bzw. E-Scooter bereits heute leisten.

Scooter
Fliegende Autos oder Scooter?

Sie stoßen eine breite Diskussion an, ob Mobilität, so wie wir sie bisher kannten, effizient organisiert ist.

Die Experimentierfreude privater Anbieter der Sharing Economy jenseits von etablierten Autoherstellern und ÖPNV sorgt für Disruption, die einen Wettbewerb um die besten Konzepte beschleunigt. Anhand von tiefer Datenanalyse lassen sich Synergien und die Verkehrslenkung neu denken und gestalten. Städte wie Amsterdam und Kopenhagen sind bekannte Vorbilder auf dem Gebiet, aber auch Leeds in England konzipiert Städte weg vom Individualverkehr mit dem Auto, hin zu alternativen Fortbewegungsmitteln. Und auch Deutschland traut sich mittlerweile.

Bei dieser Entwicklung stehen einige Überlegungen im Vordergrund:

Verbote vs. Anreize

Wenn die Innenstadt nur noch für Autos mit Elektromotor attraktiv ist, bedarf es nicht unbedingt neuer Verbote. Wer Benzin und Geld verbrennen will, der kann das weiterhin tun, aber die Parkflächen werden deutlich eingeschränkt und damit teurer. Alle anderen können mit E-Car-Sharing oder E-Scooter, per Fahrrad oder zu Fuß und mit einem verbesserten ÖPNV die Stadt neu unter sich aufteilen.

Auto? Automatisierung!

Moderne Assistenzsysteme weisen bereits heute in die Richtung vom autonomen Fahren. Je mehr sich diese Technologie durchsetzt, wird sie auch uns Konsumenten überzeugen, dass der Mensch vielleicht doch der größte Risikofaktor für die Verursachung eines Unfalls darstellt. Unwahrscheinlich, dass sich dieser Umstand nicht gravierend auf die Versicherungsprämien auswirkt und das menschliche Fahren im Alltag immer mehr zurückdrängt – oder für manche auf die Rennstrecke. Noch etwas Zukunftsmusik aber nicht mehr allzu fern: Je mehr die Automatisierung Einzug erhält, desto denkbarer, dass der verkehrsintensive Liefer- und Ladeverkehr von den frühen Morgenstunden und dem Tag fast gänzlich in die Nacht verlegt wird und so die Stadt weiter entlastet.

Statussymbol im Wandel

Noch heute ist für viele ein Auto Ausdruck für Status. Und eine Menge Modelle sehen auch wirklich sehr, sehr schick aus. Und ja, sie vermitteln ein Gefühl von Freiheit und Individualität. Aber stimmt das eigentlich? Nach einem Haus war das eigene Auto lange Zeit für die meisten Menschen die größte Investition. Alleine 30 Prozent der Autos auf der Straße sind rollende Kredite bzw. Leasingfahrzeuge (10%). Autofirmen (nicht selten mit eigenen Banken zur Kreditvergabe) haben natürlich ein Eigeninteresse, stark motorisierte Fahrzeuge an möglichst viele Kunden zu vertreiben. Ob sich dieser Ansatz mit der Generation Greta Thunberg allerdings mittelfristig weiterhin als eine sinnvolle Strategie beweist, ist zumindest zweifelhaft.

Audi
Statussymbol oder doch lieber Scooter?

Arbeit von morgen

Home Office, Videokonferenz: Wenn ein Privatauto schon heute im Durchschnitt nur 1 Stunde (!) bewegt wird (sorry an alle Pendler, die sich dies nur erträumen), dann bringt selbst eine verschleppte Digitalisierung neue Arbeitswelten zum Vorschein, die individuelle Mobilität nicht länger zwingend an ein Privatfahrzeug koppeln. Der Zuzug in Städte bleibt darüber hinaus ungebrochen. Damit online-basierte Produktionsweisen und Dienstleistungen auch im ländlichen Raum attraktiv werden, erfordert es noch immense Investitionen in Infrastruktur (Stichwort: Glasfaserausbau).

Politik und Regulierung

Nun ja, das ist ein weites Feld, beackert von vielen Missverständnissen, gedüngt mit Fehlentscheidungen und oft genug als Monokultur (Dieselskandal, *hust) mit herben Rückschlägen verbunden. Die letzten Anstrengungen (Stichwort: Klimapaket) werden zu Recht hart von Umweltaktivisten und Wissenschaftlern kritisiert, aber es gibt auch zarte Hoffnungsschimmer. Solange die Politik an ihre selbst gesteckten Ziele erinnert wird, von unerbittlich streikenden Schülern auf der Straße, flankiert von Wissenschaft und Medien, bleibt das Thema auf der Tagesordnung (siehe Blogbeitrag). Ob Sharing wirklich Caring bedeutet, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschließend beurteilen. Auch wenn die Datenlage alles andere als eindeutig ist, gibt es jedoch durchaus positive Signale, die darauf hindeuten. Eins lässt sich allerdings mit Sicherheit sagen: Caring zählt! Solange wir uns bewusst Gedanken machen, wie wir Mobilität mit ihren vielfältigen Facetten anhand von smarter Datenanalyse und inklusiven Konzepten gestalten, gewinnen alle Verkehrsteilnehmer.

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